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Tod durch selbstfahrendes Auto

Es gibt neben den Weltreligionen eine weitere Religion – Der Technikglauben. Wir erleben es als Kultur und als Fortschritt, wenn wir Finger, Hände und Arme, Zehen, Füße und Beine und den Kontakt zu Erde, Feuer, Wasser und Luft durch technische Geräte ersetzen, die uns erhaben über der Natur erscheinen lassen. Erst wenn wir auch nicht mehr denken müssen, sondern nur noch versorgt durch Technik leben können, ist der Traum des totalen autonomen Schlaraffenlandes erfüllt. Dafür sind wir bereit Opfer zu bringen, um dem Gott der Technik zu huldigen: einstürzende Neubauten, fallende Brücken, tragische U-Bahntunnelvorhaben, Allmachtsgefühl verströmende Monsterbauten, die ersten Unglücke durch selbstfahrende Autos. Auf dieses in uns allen wohnende Allmachtsgefühl gilt es heutzutage gerade bezüglich der Technikhörigkeit aufzupassen.

Denn so sehr uns Technik weiterhelfen kann, die Umwelt sinnvoll zu be-greifen, so sehr sollte doch klar bleiben, wer der Herr im Hause ist, nämlich wir als greifende, schreitende, sinnesfähige und denkende Menschen.

Möge das alte Grimmsche Märchen vom Schlaraffenland als Sinnbild dienen:

Das Schlaraffenland

Hans Sachs

Eine Gegend heißt Schlaraffenland,
den faulen Leuten wohlbekannt;
die liegt drei Meilen hinter Weihnachten.
Ein Mensch, der dahinein will trachten,
muss sich des großen Dings vermessen
und durch einen Berg von Hirsebrei essen;
der ist wohl dreier Meilen dick;
alsdann ist er im Augenblick
im selbigen Schlaraffenland.
Da hat er Speis und Trank zur Hand;
da sind die Häuser gedeckt mit Fladen,
mit Lebkuchen Tür und Fensterladen.
Um jedes Haus geht rings ein Zaun,
geflochten aus Bratwürsten braun;
vom besten Weine sind die Bronnen,
kommen einem selbst ins Maul geronnen.
An den Tannen hängen süße Krapfen
wie hierzulande die Tannenzapfen;
auf Weidenbäumen Semmeln stehn,
unten Bäche von Milch hergehn;
in diese fallen sie hinab,
dass jedermann zu essen hab.

schwimmen Fische in den Lachen,
gesotten, gebraten, gesalzen, gebacken;
die gehen bei dem Gestad so nahe,
dass man sie mit den Händen fahe.
Auch fliegen um, das mögt ihr glauben,
gebratene Hühner, Gäns‘ und Tauben;
wer sie nicht fängt und ist so faul,
dem fliegen sie selbst in das Maul.
Die Schweine, fett und wohlgeraten,
laufen im Lande umher gebraten.
Jedes hat ein Messer im Rück‘;
damit schneid’t man sich ab ein Stück
und steckt das Messer wieder hinein.
Käse liegen umher wie die Stein.
Ganz bequem haben’s die Bauern;
sie wachsen auf Bäumen, an den Mauern;
sind sie zeitig, so fallen sie ab,
jeder in ein Paar Stiefel herab.
Auch ist ein Jungbrunn in dem Land;
mit dem ist es also bewandt:
wer da hässlich ist oder alt,
der badet sich jung und wohlgestalt’t
Bei den Leuten sind allein gelitten
mühelose, bequeme Sitten.
So zum Ziel schießen die Gäst‘,
wer am meisten fehlt, gewinnt das Best;
im Laufe gewinnt der Letzte allein;
das Schlafrocktragen ist allgemein,
Auch ist im Lande gut Geld gewinnen:
wer Tag und Nacht schläft darinnen,
dem gibt man für die Stund‘ einen Gulden;
wer wacker und fleißig ist, macht Schulden.
Dem, welcher da sein Geld verspielt,
man alles zwiefach gleich vergilt,
und wer seine Schuld nicht gern bezahlt,
auch wenn sie wär eines Jahres alt,
dem muss der andere doppelt geben.
Der, welcher liebt ein lustig Leben,
kriegt für den Trunk einen Batzen Lohn;
für eine große Lüge gibt man eine Kron‘.
Verstand darf man nicht lassen sehn,
aller Vernunft muss man müßig gehn;
wer Sinn und Witz gebrauchen wollt,
dem wär kein Mensch im Lande hold.
Wer Zucht und Ehrbarkeit hätt lieb,
denselben man des Lands vertrieb,
und wer arbeitet mit der Hand,
dem verböt man das Schlaraffenland.
Wer unnütz ist, sich nichts lässt lehren,
der kommt im Land zu großen Ehren,
und wer der Faulste wird erkannt,
derselbige ist König im Land.
Wer wüst, wild und unsinnig ist,
grob, unverständig zu aller Frist,
aus dem macht man im Land einen Fürsten.
Wer gern ficht mit Leberwürsten,
aus dem ein Ritter wird gemacht,
und wer auf gar nichts weiter acht’t
als auf Essen, Trinken und Schlafen,
aus dem macht man im Land einen Grafen.
Wer also lebt wie obgenannt,
der ist gut im Schlaraffenland,
in einem andern aber nicht.
Drum ist ein Spiegel dies Gedicht,
darin du sehest dein Angesicht.